Heute wird es ein wenig kühler, also... Regenjacke einpacken! ⛅ ☔ 😉

Ein Schritt weiter nach vorne würde das Ende bedeuten. Nicht etwa das Ende Irlands, von dem Marie schon seit Tagen schwärmte, sondern sein persönliches Ende. Und doch konnte Moritz nicht anders, als sich ganz nah an den Abgrund heranzuwagen. Magisch zog er ihn an, und er kämpfte so lange gegen den an ihm rüttelnden Sturm und trotzte dem horizontal auf ihn einpeitschenden Regen, bis er einen Blick in die Tiefe werfen konnte.
„Schatz, du bist wahnsinnig, komm zurück!“, ertönte Maries leicht hysterische Stimme irgendwo aus dem Regenschleier hinter ihm.
Moritz blieb über dem sich nahezu senkrecht in die Tiefe stürzenden Wiesenhang stehen, erspähte durch das Grau des Tages die düsteren, teils begrünten Klippen gegenüber und schaute dem Meer dabei zu, wie es seine Kräfte an ein paar reichlich abgenagt wirkenden Babyfelsen in 601 Metern Tiefe maß. Sliabh Liag, oder, wie es die englisch beschrifteten Schilder nannten, Slieve League. Endlich. Seit sie in Irland angekommen waren, hatte er davon geträumt, diese zu den höchsten Klippen Europas zählenden Ungetüme, die tatsächlich die höchsten begehbaren Klippen des Kontinents sein sollten, zu sehen. Da war es ihm auch wurscht, dass mal wieder ‚a day for the ducks‘ herrschte, wie man Hundewetter in Irland bezeichnete. Und wenn er auf der Insel etwas gelernt hatte, dann, dass es nicht wirklich schlechtes Wetter gibt, sondern die nächsten Wolkenlöcher ganz sicher kommen. Moritz zog den Kragen seiner nagelneuen, Irland-grünen Regenjacke, die ihm fast bis an die Kniekehlen reichte, höher und atmete mit geschlossenen Augen ein. Ja, so fühlte sich Freiheit an, da war die Sache mit diesem verdammten Game of Thrones-Helm schon fast vergessen.
Plötzlich schrie Moritz auf. Ein Stoß von hinten hätte ihn fast in den sicheren Tod katapultiert. „Verfluchte Sch …“ Er schleuderte herum und blickte in die Augen eines Mannes etwa in seinem Alter, von dem neben der roten Nase vor allem der fast gleichfarbige Bart aus einer Regenjacke mit überdimensionaler Kapuze hervorschauten. Das Lachen des Mannes kam irgendwo aus den Tiefen seines Bauches, der Geschichten von viel Guinness und Whiskey erzählte, und plötzlich war es, als ertönte ein Echo dieses Lachens aus dem Nebel hinter ihnen. Ein Schauer lief Moritz‘ Rücken hinab.
„Hast du etwa Angst, deine Alte will dich von den Klippen stoßen?“, kicherte der Bärtige, als sich zwei weitere Männer näherten, einer mit vollem dunklen Haar, das ihm strähnig im Gesicht klebte, und einer mit weitem gelbem Regencape, der nach den fehlenden Schneidezähnen zu urteilen eine Leidenschaft für Barkämpfe pflegte.
Der mit den nassen Haaren klatschte Moritz auf den Rücken. „Mach dir keine Sorgen, Kumpel, Aidan macht nur Spaß, der guckt gerne Thriller!“
Moritz grunzte. Sein Herzschlag normalisierte sich sehr langsam und er versuchte, Marie in dem peitschenden Regen auszumachen.
„Deine Hübsche ist schon zum Auto zurückgegangen“, erklärte der Dunkelhaarige, den Aidan „Cody“ nannte, „die wollte nicht zusehen, wenn du springst!“ Er kicherte.
„Lass dich nicht einschüchtern von den beiden idiots“, ergriff nun das gelbe Cape die Initiative und zog Moritz vom Abgrund fort. „Ich bin Niall, arbeite sonst als Reiseführer hier, aber jetzt habe ich gerade meine beiden Freunde aus Dublin zu Besuch und zeige ihnen ein wenig von Donegal.“
Moritz atmete endgültig auf. Wenn sie noch lange durch Irland reisten, würde er ganz sicher irgendwann einen Herzinfarkt erleiden. Von wegen nix als Schafe und Ruhe!
Niall legte einen Arm um Moritz‘ Schultern, als wäre der ein zu beschützender Freund, und deutete mit dem rechten Arm zu den nun fast völlig wolkenverhangenen Felsen auf der anderen Seite der Schlucht.

„Dort hinten ist der ‚One Man Pass‘, und wenn das Wetter mal mitspielt, kann man darauf in etwa fünf Stunden über die Klippen bis nach Malin Beg wandern. Da liegt unser schönster Strand, die Karibik Donegals!“ Niall grinste und Moritz verfluchte nun doch das Entenwetter, denn ein karibischer Strand und ein paar Stunden Sonnenbad wären gerade genau das Richtige.
Als er mit seiner klatschnassen Regenjacke endlich wieder ins Auto schlüpfte, warf ihm Marie einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich weiß nicht, warum du an jeden Abgrund …“ Moritz brachte sie mit einem Handzeichen zum Schweigen.
„Der Abgrund ist nicht das Problem, aber ich habe gerade die männliche Variante unserer Rollatoren-Freundinnen kennengelernt!“, stöhnte er, und Maries spöttisches Lachen versicherte ihm, dass sie seine Waghalsigkeit schon verziehen hatte.
„Bei dem Wetter gibt es wirklich nichts Schöneres als einen Roadtrip“, seufzte Marie, als wieder mal ein blaues Schild mit weißen Zickzacklinien den Wild Atlantic Way ankündigte, die wohl längste ausgewiesene Küstenstraße der Welt, auf der sie gemächlich nach Norden fuhren.
„Wenn wir nur unseren Volvo wiederhätten“, schnaubte Moritz, der sich in dem vom Vermieter nach den ständigen Volvo-Pannen eingewechselten Wagen fast fühlte wie in dem Helm des Leibwächters. Ausgerechnet ein Nissan Micra! Der Mann in Belfast hatte sich zig Mal entschuldigt und beteuert, dass er an diesem Tag wirklich kein größeres Modell parat hatte und ihnen schließlich einen unschlagbaren Preisnachlass angeboten.
Mehrere Stunden Fahrt sowie einen Stopp in einem Pub später – wo sich Moritz ein Shepherd’s Pie aus Hackfleisch, Kartoffeln und Gemüse einverleibt hatte und Marie Boxty, eine Art Kartoffelpfannkuchen – öffnete sich der Himmel am Nachmittag endlich über der Halbinsel Inishowen auf Höhe des Five Fingers Strands, einem langen, einsamen Strand. Moritz würgte den Wagen beim ersten Blick ab, streifte die Schuhe ab und zog die kichernde Marie mit sich, während er wie ein spielfreudiger Welpe über den noch regenfeuchten Sand tollte. Der Atlantik klatschte ans Ufer und leckte nach Moritz‘ Hosenbeinen, doch nach allem, was er schon mitgemacht hatte, bemerkte er das gar nicht mehr.
„Weißt du, warum ich dich so sehr liebe?“, fragte er Marie, als sie innehielten und ihre Gesichter der Sonne entgegenstreckten, die nun vom strahlend blauen Himmel knallte.
„Hmm?“, haschte Marie nach dem Kompliment.
„Weil mit dir einfach kein Tag auch nur Gefahr läuft, ‚normal‘ zu sein. Das ist mir hier in Irland noch bewusster geworden.
“Sie lachte ihr helles Lachen, wobei sie den Kopf leicht in den Nacken warf, und schwang beide Arme um seine Taille. Moritz legte das Kinn auf ihrem Kopf ab und sah sich langsam um. Kein Mensch weit und breit. Wie schon an Slieve League – na gut, abgesehen von den drei fragwürdigen Kumpanen, die er ganz bestimmt nicht wiedersehen wollte. Wie gut, dass sie nach Donegal gekommen waren, das im Gegensatz zur Südküste wirkte wie ein Buch frisch aus dem Druck, das noch niemand aufgeschlagen hatte.

Die lange Fahrt nach Nordwesten lohnte sich. Schon die erste Nacht in Donegal hatten sie in einem echten Schloss verbracht, am Lough Eske, dort so fürstlich diniert, dass Moritz den Gürtel um eine Schlaufe weiterstellen musste, dann wäre er fast einem mordlüsternen Iren an den höchsten Klippen zum Opfer gefallen – eine tolle Geschichte für daheim. Und jetzt waren sie hier. Moritz wollte den Moment eintüten und sicher verschnüren für all die Augenblicke, wenn er an seinem Schreibtisch am Computer festklebte und die Anfragen auf ihn eindroschen wie der irische Regen dieses Morgens.
„Komm, ich will endlich zum Malin Head“, drängte Marie, als eine freche dunkelgraue Wolke ihnen die Wärme vom Gesicht stahl.
„Kannst du dir vorstellen, dass Malin Head der nördlichste Punkt des irischen Festlands ist?“, fragte Marie, als das erste Schild in die Richtung auftauchte.
Konnte Moritz. Nachdem Marie das schon mindestens zehn Mal erzählt hatte. Wahrscheinlich hätte er sich geweigert, den Micra stundenlang durch weiße Cottages und weiße Schafe gen Norden zu manövrieren, wenn sie nicht auch eins erwähnt hätte – dass an der wilden Landspitze, wo es außer einem baufälligen Beobachtungsturm vor allem viel Weitblick gab, 2016 auch ein Teil von Star Wars VIII gedreht wurde. Moritz hatte keine einzige Episode der Kultserie verpasst, liebte sie noch mehr als Game of Thrones, und einen solch spektakulären Schauplatz durfte er sich natürlich nicht entgehen lassen!
Unweit der Landspitze stand auf dem Parkplatz nur ein verbeulter Geländewagen, neben dem Moritz den Micra parkte – und die gerade geöffnete Tür fast an den Kopf bekam, denn der Wind schien gar nicht einverstanden mit ihrem Besuch. „Was für ein irisches Wetter!“ Moritz klaubte die grüne Regenjacke vom Hintersitz, während sich Marie in ihre winterliche Daunenjacke einmummelte und sich dem Wind entgegenlehnen musste, um überhaupt vorwärts zu kommen.
Moritz, der nach nur wenigen Schritten von einem heißen Tee träumte, musste mit einem Kleinlaster mit der Aufschrift ‚Mobile Espresso Bar‘ vorlieb nehmen, der neben Kaffee in Plastikbechern auch ein paar recht trockene Scones verkaufte. Er schenkte die Hälfte des Scones den hungrigen Möwen und ließ sich von Marie neben einem schwarzen Schild mit den großen Lettern ‚I’ve been to Malin Head, home of Star Wars, The last Jedi, Episode VIII‘ fotografieren.
„Lass uns ein Stück laufen!“ Marie ergriff seine Hand und zog ihn zu einem steinigen Pfad entlang der Klippen, der am sogenannten ‚Hells Hole‘ endete – einer Felsschlucht, wo der Teufel röchelte. Oder der Atlantik besonders unbändig auf die Klippen klatschte.
„Was es wohl damit auf sich hat?“ Marie deutete auf ein auf einem Feld aus großen Steinen gelegtes Wort EIRE.
„Das stammt aus dem Zweiten Weltkrieg“, ertönte es dumpf hinter ihnen. Marie und Moritz zuckten zusammen. Da erschien neben ihnen ein vertrautes gelbes Regencape und gleich dahinter ein nasser dunkler Haarschopf, dann eine rote Nase mit rotem Bart. Moritz stöhnte laut auf. „Das kann doch nicht …“
„Hey Buddy, wie schön, dich wiederzusehen!“ Die flache Hand des Dunkelhaarigen, Cody, klatschte erneut auf Moritz‘ Rücken, dass er einen Satz nach vorne machte.
„Die EIRE – Buchstaben sollten gegnerischen Flugzeugen signalisieren, dass sie nun neutrales Gebiet überflogen“, nahm der Tourguide Niall den Faden wieder auf. „Habt ihr auch schon die Kinnagoe Bay gesehen? Nein? Sie ist wirklich ein Traum! Kommt, unser Geländewagen steht gleich neben eurem popeligen Nissan. Wir fahren runter zur Bucht, folgt uns einfach, und dann gehen wir gemeinsam einen trinken!
“Moritz‘ Schnaufen wurde übertönt von Maries Lachen. Und von den weiteren Plänen, die Niall und Co. kurzerhand für das deutsche Pärchen schmiedeten.