Besuche unsere wöchentliche Episode in unserer Story-Serie ...

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Posted Thu 10 Sep 2020 8:40 AM
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Heute wird es noch einmal spannend... 😉 und lustig... 

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Er saß draußen auf einer Bank und fütterte die Möwen, der Wind wirbelte in seinen Haaren, und Marie fiel ein Stein vom Herzen: Ihr Mann sah nicht mehr so leichenblass aus wie vorhin. Vor einer Viertelstunde war Moritz aus dem Museum gestürmt. Sie hatten sich gerade die computeranimierten Bauarbeiten am Schiffsrumpf angesehen und waren in einer Art Sessellift durch den dunklen, virtuellen Rumpf jenes Luxusliners geschwebt, der auf seiner Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidieren und zum berühmtesten Wrack der Seefahrtgeschichte werden sollte. Ohne weitere Erklärung war Moritz aus dem Lift gesprungen und mit einem „Ich muss raus hier“ verschwunden. Marie hatte sich noch ein paar Displays angesehen. Dann war sie zum Ausgang des Titanic-Museums in Belfast gelaufen, um ihn zu suchen.

„Geht’s wieder halbwegs?“
„Ja, passt schon.“ Moritz sah hinaus in den Hafen, als schwimme da irgendwo der Satz herum, nach dem er suchte. „Ich hatte plötzlich Platzangst da drin. Musste an die Luft.“
„Das ist ja auch kein Wunder. Wäre mir wahrscheinlich genauso gegangen, wenn mir das gestern Abend passiert wäre.“ 
„Das ist alles ein bisschen aus den Fugen geraten. Tut mir leid.“

Um das, was da am Vortag „aus den Fugen geraten“ war, nicht komplett im Rückblick erzählen zu müssen, mit 117 sperrigen „hatte“, „war gewesen“ und all den anderen Plusquamperfekt-Verrenkungen, die man bei solchen Passagen bewerkstelligen muss, machen wir es uns einfacher: Wir springen kurzerhand einen kompletten Tag und ein paar hundert Meilen zurück und befinden uns – zawoschsch! – an der Ruine einer alten Burg, die sich verzweifelt am Rand einer Klippe festzuklammern scheint, um nicht hinunter ins Meer zu rutschen. Und wir sind dort, weil der Rezeptionist ihres Hotels in Enniskillen Marie und Moritz das empfohlen hatte: Zuerst ganz früh hoch zum Giant‘s Causeway, und dann weiter entlang der Causeway Coastal Route zum Dunseverick Castle. Beziehungsweise: Zu dem, was davon noch übrig war. Er hatte den beiden ihr Frühstück einpacken lassen. Jetzt saßen sie auf einer grünen Wiese über den Ruinen, schauten auf den Atlantik hinaus und knabberten geräucherten Gubbeen, Ardrahan und Durrus – offenbar hatte man sich in der Hotelküche auf ausgefallene irische Käsesorten spezialisiert. 

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 „War die eigentlich auch in der Serie zu sehen?“ Marie nickte Richtung Ruine.„Glaube nicht. Die haben hier aber eigentlich überall gedreht.“ Moritz blätterte in einer Broschüre, die er aus dem Hotel mitgenommen hatte, als Marie dem Rezeptionisten atemlos von einem Reiher erzählte, der angeblich... : Game of Thrones in Northern Ireland: Discover the secrets! „Die Produktionsstudios waren in Belfast. Von da waren die dann ja schnell an der Küste.“ Moritz stand auf. „Die vier Drachen haben pro Flug ja einiges an Equipment mitnehmen können.“„Da hast du es ja gut. Du musst nur mich zum ersten Filmstopp schleppen. Was nach diesem Frühstück allerdings schwierig werden könnte.“ 

Marie und Moritz waren große Game of Thrones-Fans. Sie hatten sämtliche Folgen sämtlicher Staffeln mehrmals gesehen, konnten ganze Dialoge auswendig und hatten ihre Route durch Nordirland so geplant, dass sie an möglichst vielen Orten vorbeikommen würden, an denen die Serie gedreht worden war. Beginnen wollten sie an diesem Morgen an den Dark Hegdes: Die Allee mit ihren alten Buchen spielte in Game of Thrones die Straße in die Hauptstadt King’s Landing. Was sich offenbar herumgesprochen hatte: Als sie dort ankamen, waren die anderen nämlich bereits da. An beiden Straßenrändern parkten Mietwagen, deren Fahrer mit ihren Freunden oder Familien auf der Straße herumliefen und mit Selfiesticks hantierten. Dazu kamen etliche irischgrüne Reisebusse, die sich im Schritttempo an Passanten und Außenspiegeln vorbei schoben. Weitere Busse warteten am Ende der Straße auf einen günstigen Moment, die Dark Hedges wieder verlassen zu können. 
„Ich würde mal sagen: Ein Foto – und dann nix wie weg hier. Oder?“ Marie wusste, dass Moritz sich schnell unwohl fühlte, wenn es zu eng wurde.„
Ich würde mal sagen: ein sehr schnelles Foto – und dann nix wie weg. Schau mal, da vorne. Zwischen den chinesischen Familien.“„Das gibt’s doch nicht.“ Marie entdeckte die vier alten Damen sofort. Mit ihren Rollatoren und Gehstöcken bildeten sie eine Barriere quer über die Straße, von der selbst die Truppen der Lannisters beeindruckt gewesen wären.  

„Am besten, du steigst gar nicht aus. Und wenn, dann komm ganz schnell wieder zurück. Ich wende inzwischen.“ Eine weitere Begegnung mit den vier alten Schachteln wollte Moritz unbedingt vermeiden. Sie hatten das Quartett neulich in Kilkenny kennengelernt. Die vier quasselten, bis anderen Leuten Blut aus den Ohren tropfte. Weil Marie die vier sehr sympathisch fand, hatte es beinahe Streit gegeben. Nicht schon wieder, dachte Moritz. Und war erleichtert, als Marie dreißig Sekunden später wieder neben ihm saß.  

Und dann waren sie zurück am Meer und sich schnell einig: Die Antrim Coast war spektakulärer als alles, was sie zuvor auf dieser Insel gesehen hatten. Über lange Abschnitte sah die Küste aus, als habe sich die Eiszeit damals vor Arbeitsbeginn ein paar doppelte Whiskey genehmigt und im angetrunkenen Übermut anschließend wahllos Buchten, Strände, Halbinseln und andere geologische Kabinettstückchen gebastelt. Am Ende hier und da noch ein paar Felsbrocken ins Meer gestreut. Das Ganze mit kilometerlangen Steilklippen garniert. Und am nächsten Morgen dann achselzuckend festgestellt, dass man jetzt nichts mehr daran ändern könne. Marie und Moritz hielten gefühlt alle drei Minuten an, stiegen aus und fotografierten. Die meisten Game of Thrones-Drehorte ließen sich nur mit viel gutem Willen als solche erkennen (vom Wind zerzauste Hochebenen und Strandabschnitte sehen eben nun mal aus wie vom Wind zerzauste Hochebenen und Strandabschnitte, wenn Reiterheere und Drachen fehlen) – aber das war den beiden irgendwann völlig egal. Stattdessen staunten sie über die Grandezza der Landschaft, liefen Hand in Hand durch pittoreske Orte wie Carnlough oder Ballygally und bewunderten bei Steenson’s in Glenarm den Schmuck, den der Juwelier für die Herrscher der Seven Kingdoms gefertigt hatte. Und sie lernten Bogenschießen. Auf Winterfell. Die Burg der Stark-Familie hieß im richtigen Leben Castle Ward, stand bei Strangford und hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Filmfestung. Tja, meinte ihr Guide, der eine Art Knappenkostüm aus grobem Leinzeug trug, sie hätten hier halt nur diesen einen alten Burgturm, und den hätten die Filmleute am Computer eben verdrei- und vervierfacht, und anschließend noch jede Menge digital erzeugtes Mauer- und Bollwerk dazu programmiert, bis das Film-Winterfell am Ende wie eine Trutzburg für tausend Mann wirkte. Er zuckte mit den Schultern, als wolle er sagen: Ich weiß, aber ich kann ja auch nix dafür. 
„Aber ihr seid ja sowieso wegen des Bogenschießens hier, oder?“

Marie und Moritz bekamen Bögen in die Hand gedrückt und die Technik erklärt. Dann gab der Knappe jedem fünf Pfeile. Moritz schoss dreimal daneben; seine beiden anderen Pfeile schafften es gar nicht erst bis zur Zielscheibe und fielen ins Gras. Der Knappe tat so, als inspiziere er eine Naht an seinem Waffenrock. Dann schoss Marie. Ihr erster Pfeil bohrte sich relativ mittig in die Scheibe. Der Knappe sah auf. Marie schoss weiter. Ihr zweiter Pfeil schlug Zentimeter neben dem Zentrum ein. Dem Knappen stand nun der Mund offen. Die nächsten drei bohrten sich exakt in die Mitte der Scheibe. Exakt. Der Knappe war außer sich. 

Und so begann jener Abend, der „aus den Fugen geraten“ sollte, wie Moritz das am nächsten Tag nennen würde. Die beiden waren noch nicht am Auto, da hatte der Knappe bereits im Hotel angerufen und die Kunde von der unfassbaren Zielfertigkeit dieser jungen Deutschen verbreitet. Im Cuan Inn hatte sich wie an jedem Abend eine Runde von Einheimischen versammelt, die der Zeit nachtrauerten, als hier Sansa Stark und Daenerys Targayen abends aufgetaucht waren, die während der Dreharbeiten im Stockwerk obendrüber gewohnt hatten. Als Marie und Moritz durch die Tür kamen, klatschten einige Männer Beifall, als kehrten die beiden von einem erfolgreichen Beutezug zurück in ihr Heimatdorf. Und dann ...

.. und dann entwickelte sich der Abend, wie sich Abende in Irland eben manchmal entwickeln, wenn die Neugier der Stammgäste sich paart mit der Urlaubsstimmung der Besucher: Es wird erzählt, es wird gelacht, es wird ein Guinness getrunken und noch eines, man vergisst das Abendessen, trinkt stattdessen ein weiteres Pint und lässt sich noch einmal die Geschichte von Maries fünf Pfeilen erzählen, und irgendwann ruft jemand nach dem Helm, und irgendwer bringt den Helm, den Helm aus Game of Thrones, den Helm von The Hound, dem grobschlächtigen Leibwächter von Lady Sansa, und irgendwer setzt Moritz diesen Helm auf den Kopf, und Moritz ballt die Faust und ruft ein paar Filmzitate in den Raum, und Marie spielt Sansa und lässt sich von ihrem Mann in die Höhe heben, und ganz plötzlich und von einem Moment auf den anderen wird es Moritz zu eng unter dem Ding und zu heiß, viel zu heiß, und er will den Helm absetzen, und dann, tatsächlich erst dann merken er und alle anderen: Der Helm ist Moritz viel zu eng. Der Helm lässt sich nicht mehr abnehmen. Der Helm sitzt fest. Machen wir es kurz: Als alles Ziehen und Zerren nichts hilft, alle guten Ratschläge der Pubbesucher vergebens sind und auch Maries Sonnencreme sich als unbrauchbares Schmiermittel erweist – da wird Moritz mit dem Ding auf dem Kopf aus dem Pub geleitet und in einer kleinen Prozession durch die nordirische Nacht geführt. Zu Michael. Michael ist der Klempner von Strangford. Und der erste, der den angetrunkenen Stammgästen einfiel, als es um die Frage ging, wer eine Säge haben könnte, mit der man diesen Kunststoffhelm vielleicht ... Michael schlief bereits, hatte aber das passende Werkzeug. Und zum Glück für Moritz genügend Durchsetzungsfähigkeit, um sämtliche Prozessionsteilnehmer vor dem operativen Eingriff nach draußen vor die Tür zu beordern. 

So, und jetzt bewegen wir uns in der Zeit wieder hinüber in die Gegenwart: zum Pier in Belfast, vor das Titanic Museum, wo wir Moritz‘ Kopfschmerzen mittlerweile ziemlich gut nachvollziehen können (und insgeheim Abbitte leisten, falls wir den irischen Whiskey für sie verantwortlich gemacht haben sollten).
„Wollen wir dann los?“ Marie legte Moritz eine Hand auf den Oberschenkel.“ Wir haben immerhin noch eine komplette Hauptstadt vor uns.
“Haben wir, dachte Moritz. Und nur, weil er anschließend sofort von seiner Bank aufstand und sich Arm in Arm mit Marie Richtung Innenstadt aufmachte, nur deshalb übersahen die beiden die vier alten Damen mit ihren Stöcken und Rollatoren, die kurz zuvor aus dem Titanic-Museum gekommen waren und sich bereits freudestrahlend und winkend in ihre Richtung in Bewegung gesetzt hatten.

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Posted Mon 21 Sep 2020 2:43 PM
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Heute wird es ein wenig kühler, also... Regenjacke einpacken! ⛅ ☔ 😉

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Ein Schritt weiter nach vorne würde das Ende bedeuten. Nicht etwa das Ende Irlands, von dem Marie schon seit Tagen schwärmte, sondern sein persönliches Ende. Und doch konnte Moritz nicht anders, als sich ganz nah an den Abgrund heranzuwagen. Magisch zog er ihn an, und er kämpfte so lange gegen den an ihm rüttelnden Sturm und trotzte dem horizontal auf ihn einpeitschenden Regen, bis er einen Blick in die Tiefe werfen konnte.

„Schatz, du bist wahnsinnig, komm zurück!“, ertönte Maries leicht hysterische Stimme irgendwo aus dem Regenschleier hinter ihm.

Moritz blieb über dem sich nahezu senkrecht in die Tiefe stürzenden Wiesenhang stehen, erspähte durch das Grau des Tages die düsteren, teils begrünten Klippen gegenüber und schaute dem Meer dabei zu, wie es seine Kräfte an ein paar reichlich abgenagt wirkenden Babyfelsen in 601 Metern Tiefe maß. Sliabh Liag, oder, wie es die englisch beschrifteten Schilder nannten, Slieve League. Endlich. Seit sie in Irland angekommen waren, hatte er davon geträumt, diese zu den höchsten Klippen Europas zählenden Ungetüme, die tatsächlich die höchsten begehbaren Klippen des Kontinents sein sollten, zu sehen. Da war es ihm auch wurscht, dass mal wieder ‚a day for the ducks‘ herrschte, wie man Hundewetter in Irland bezeichnete. Und wenn er auf der Insel etwas gelernt hatte, dann, dass es nicht wirklich schlechtes Wetter gibt, sondern die nächsten Wolkenlöcher ganz sicher kommen. Moritz zog den Kragen seiner nagelneuen, Irland-grünen Regenjacke, die ihm fast bis an die Kniekehlen reichte, höher und atmete mit geschlossenen Augen ein. Ja, so fühlte sich Freiheit an, da war die Sache mit diesem verdammten Game of Thrones-Helm schon fast vergessen.

Plötzlich schrie Moritz auf. Ein Stoß von hinten hätte ihn fast in den sicheren Tod katapultiert. „Verfluchte Sch …“ Er schleuderte herum und blickte in die Augen eines Mannes etwa in seinem Alter, von dem neben der roten Nase vor allem der fast gleichfarbige Bart aus einer Regenjacke mit überdimensionaler Kapuze hervorschauten. Das Lachen des Mannes kam irgendwo aus den Tiefen seines Bauches, der Geschichten von viel Guinness und Whiskey erzählte, und plötzlich war es, als ertönte ein Echo dieses Lachens aus dem Nebel hinter ihnen. Ein Schauer lief Moritz‘ Rücken hinab.

„Hast du etwa Angst, deine Alte will dich von den Klippen stoßen?“, kicherte der Bärtige, als sich zwei weitere Männer näherten, einer mit vollem dunklen Haar, das ihm strähnig im Gesicht klebte, und einer mit weitem gelbem Regencape, der nach den fehlenden Schneidezähnen zu urteilen eine Leidenschaft für Barkämpfe pflegte.

Der mit den nassen Haaren klatschte Moritz auf den Rücken. „Mach dir keine Sorgen, Kumpel, Aidan macht nur Spaß, der guckt gerne Thriller!“

Moritz grunzte. Sein Herzschlag normalisierte sich sehr langsam und er versuchte, Marie in dem peitschenden Regen auszumachen.

„Deine Hübsche ist schon zum Auto zurückgegangen“, erklärte der Dunkelhaarige, den Aidan „Cody“ nannte, „die wollte nicht zusehen, wenn du springst!“ Er kicherte.

„Lass dich nicht einschüchtern von den beiden idiots“, ergriff nun das gelbe Cape die Initiative und zog Moritz vom Abgrund fort. „Ich bin Niall, arbeite sonst als Reiseführer hier, aber jetzt habe ich gerade meine beiden Freunde aus Dublin zu Besuch und zeige ihnen ein wenig von Donegal.“

Moritz atmete endgültig auf. Wenn sie noch lange durch Irland reisten, würde er ganz sicher irgendwann einen Herzinfarkt erleiden. Von wegen nix als Schafe und Ruhe!

Niall legte einen Arm um Moritz‘ Schultern, als wäre der ein zu beschützender Freund, und deutete mit dem rechten Arm zu den nun fast völlig wolkenverhangenen Felsen auf der anderen Seite der Schlucht.

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„Dort hinten ist der ‚One Man Pass‘, und wenn das Wetter mal mitspielt, kann man darauf in etwa fünf Stunden über die Klippen bis nach Malin Beg wandern. Da liegt unser schönster Strand, die Karibik Donegals!“ Niall grinste und Moritz verfluchte nun doch das Entenwetter, denn ein karibischer Strand und ein paar Stunden Sonnenbad wären gerade genau das Richtige.

Als er mit seiner klatschnassen Regenjacke endlich wieder ins Auto schlüpfte, warf ihm Marie einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich weiß nicht, warum du an jeden Abgrund …“ Moritz brachte sie mit einem Handzeichen zum Schweigen.

„Der Abgrund ist nicht das Problem, aber ich habe gerade die männliche Variante unserer Rollatoren-Freundinnen kennengelernt!“, stöhnte er, und Maries spöttisches Lachen versicherte ihm, dass sie seine Waghalsigkeit schon verziehen hatte.

„Bei dem Wetter gibt es wirklich nichts Schöneres als einen Roadtrip“, seufzte Marie, als wieder mal ein blaues Schild mit weißen Zickzacklinien den Wild Atlantic Way ankündigte, die wohl längste ausgewiesene Küstenstraße der Welt, auf der sie gemächlich nach Norden fuhren.

„Wenn wir nur unseren Volvo wiederhätten“, schnaubte Moritz, der sich in dem vom Vermieter nach den ständigen Volvo-Pannen eingewechselten Wagen fast fühlte wie in dem Helm des Leibwächters. Ausgerechnet ein Nissan Micra! Der Mann in Belfast hatte sich zig Mal entschuldigt und beteuert, dass er an diesem Tag wirklich kein größeres Modell parat hatte und ihnen schließlich einen unschlagbaren Preisnachlass angeboten.

Mehrere Stunden Fahrt sowie einen Stopp in einem Pub später – wo sich Moritz ein Shepherd’s Pie aus Hackfleisch, Kartoffeln und Gemüse einverleibt hatte und Marie Boxty, eine Art Kartoffelpfannkuchen – öffnete sich der Himmel am Nachmittag endlich über der Halbinsel Inishowen auf Höhe des Five Fingers Strands, einem langen, einsamen Strand. Moritz würgte den Wagen beim ersten Blick ab, streifte die Schuhe ab und zog die kichernde Marie mit sich, während er wie ein spielfreudiger Welpe über den noch regenfeuchten Sand tollte. Der Atlantik klatschte ans Ufer und leckte nach Moritz‘ Hosenbeinen, doch nach allem, was er schon mitgemacht hatte, bemerkte er das gar nicht mehr.

„Weißt du, warum ich dich so sehr liebe?“, fragte er Marie, als sie innehielten und ihre Gesichter der Sonne entgegenstreckten, die nun vom strahlend blauen Himmel knallte.

„Hmm?“, haschte Marie nach dem Kompliment.

„Weil mit dir einfach kein Tag auch nur Gefahr läuft, ‚normal‘ zu sein. Das ist mir hier in Irland noch bewusster geworden.

“Sie lachte ihr helles Lachen, wobei sie den Kopf leicht in den Nacken warf, und schwang beide Arme um seine Taille. Moritz legte das Kinn auf ihrem Kopf ab und sah sich langsam um. Kein Mensch weit und breit. Wie schon an Slieve League – na gut, abgesehen von den drei fragwürdigen Kumpanen, die er ganz bestimmt nicht wiedersehen wollte. Wie gut, dass sie nach Donegal gekommen waren, das im Gegensatz zur Südküste wirkte wie ein Buch frisch aus dem Druck, das noch niemand aufgeschlagen hatte.

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Die lange Fahrt nach Nordwesten lohnte sich. Schon die erste Nacht in Donegal hatten sie in einem echten Schloss verbracht, am Lough Eske, dort so fürstlich diniert, dass Moritz den Gürtel um eine Schlaufe weiterstellen musste, dann wäre er fast einem mordlüsternen Iren an den höchsten Klippen zum Opfer gefallen – eine tolle Geschichte für daheim. Und jetzt waren sie hier. Moritz wollte den Moment eintüten und sicher verschnüren für all die Augenblicke, wenn er an seinem Schreibtisch am Computer festklebte und die Anfragen auf ihn eindroschen wie der irische Regen dieses Morgens.

„Komm, ich will endlich zum Malin Head“, drängte Marie, als eine freche dunkelgraue Wolke ihnen die Wärme vom Gesicht stahl.

„Kannst du dir vorstellen, dass Malin Head der nördlichste Punkt des irischen Festlands ist?“, fragte Marie, als das erste Schild in die Richtung auftauchte.

Konnte Moritz. Nachdem Marie das schon mindestens zehn Mal erzählt hatte. Wahrscheinlich hätte er sich geweigert, den Micra stundenlang durch weiße Cottages und weiße Schafe gen Norden zu manövrieren, wenn sie nicht auch eins erwähnt hätte – dass an der wilden Landspitze, wo es außer einem baufälligen Beobachtungsturm vor allem viel Weitblick gab, 2016 auch ein Teil von Star Wars VIII gedreht wurde. Moritz hatte keine einzige Episode der Kultserie verpasst, liebte sie noch mehr als Game of Thrones, und einen solch spektakulären Schauplatz durfte er sich natürlich nicht entgehen lassen!

Unweit der Landspitze stand auf dem Parkplatz nur ein verbeulter Geländewagen, neben dem Moritz den Micra parkte – und die gerade geöffnete Tür fast an den Kopf bekam, denn der Wind schien gar nicht einverstanden mit ihrem Besuch. „Was für ein irisches Wetter!“ Moritz klaubte die grüne Regenjacke vom Hintersitz, während sich Marie in ihre winterliche Daunenjacke einmummelte und sich dem Wind entgegenlehnen musste, um überhaupt vorwärts zu kommen.

Moritz, der nach nur wenigen Schritten von einem heißen Tee träumte, musste mit einem Kleinlaster mit der Aufschrift ‚Mobile Espresso Bar‘ vorlieb nehmen, der neben Kaffee in Plastikbechern auch ein paar recht trockene Scones verkaufte. Er schenkte die Hälfte des Scones den hungrigen Möwen und ließ sich von Marie neben einem schwarzen Schild mit den großen Lettern ‚I’ve been to Malin Head, home of Star Wars, The last Jedi, Episode VIII‘ fotografieren.

„Lass uns ein Stück laufen!“ Marie ergriff seine Hand und zog ihn zu einem steinigen Pfad entlang der Klippen, der am sogenannten ‚Hells Hole‘ endete – einer Felsschlucht, wo der Teufel röchelte. Oder der Atlantik besonders unbändig auf die Klippen klatschte.

„Was es wohl damit auf sich hat?“ Marie deutete auf ein auf einem Feld aus großen Steinen gelegtes Wort EIRE.

„Das stammt aus dem Zweiten Weltkrieg“, ertönte es dumpf hinter ihnen. Marie und Moritz zuckten zusammen. Da erschien neben ihnen ein vertrautes gelbes Regencape und gleich dahinter ein nasser dunkler Haarschopf, dann eine rote Nase mit rotem Bart. Moritz stöhnte laut auf. „Das kann doch nicht …“

„Hey Buddy, wie schön, dich wiederzusehen!“ Die flache Hand des Dunkelhaarigen, Cody, klatschte erneut auf Moritz‘ Rücken, dass er einen Satz nach vorne machte.

„Die EIRE – Buchstaben sollten gegnerischen Flugzeugen signalisieren, dass sie nun neutrales Gebiet überflogen“, nahm der Tourguide Niall den Faden wieder auf. „Habt ihr auch schon die Kinnagoe Bay gesehen? Nein? Sie ist wirklich ein Traum! Kommt, unser Geländewagen steht gleich neben eurem popeligen Nissan. Wir fahren runter zur Bucht, folgt uns einfach, und dann gehen wir gemeinsam einen trinken!

“Moritz‘ Schnaufen wurde übertönt von Maries Lachen. Und von den weiteren Plänen, die Niall und Co. kurzerhand für das deutsche Pärchen schmiedeten.

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Posted Wed 18 Oct 2023 5:04 AM
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I'd love to y some drums over there.

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